Tante Emma und der Schnee-Express – wie ich mit meiner Nichte die Eisenbahn in die Arktis nahm

Als jemand, der den Norden liebt, bereits mehr als einmal am Polarmeer war und zudem mit der Eisenbahn groß geworden ist, war ich neugierig auf die Neuerscheinung „Tante Emma und der Schnee-Express“ von Emma Bessi aus dem Conbook Verlag. Wie wir diese Ausgabe aus der Reiseliteratur empfinden, berichten wir in der folgenden Rezension.

Warum wir „Tante Emma und der Schnee-Express nicht empfehlen“

Ich sitze an unserer etwa 100 Jahre alten schwedischen Schulbank und versuche meine Gedanken über die Neuerscheinung  „Tante Emma und der Schneeexpress“ zu sortieren und niederzuschreiben. Von Natur aus bin ich ein Freund direkter Worte. Und so rede ich auch nicht um den heißen Brei, sondern komme gleich zur Sache:

Ich frage mich tatsächlich, wer dieser Autorin erzählt hat, sie solle ein Buch zum im Titel genannten Thema schreiben. Von Anfang an ist es mühsam, „Tante Emma und der Schnee-Express“ zu folgen. Immer wieder driftet die Autorin Emma Bessi ab. Sei es mal in eine erlebte Verfolgung durch die schwer bewaffnete amerikanische Polizei, sei es ihre Vorliebe zu Harry Potter oder dann doch eher Herr der Ringe. Ein anderes Mal wird sie von einer wilden Meute Füchsen in Schach gehalten. Allerdings, wen wundert es, nicht auf ihrer Reise in den Norden.

Mehrfach wird betont, wie Frauen in ihrem oder im fortgeschrittenen Alter eine solche Bahnreise in der westlichen Nordhalbkugel für ein Kind für viel zu gefährlich halten. Wo wir auf unseren Reisen selbst mit einem 11 Wochen alten Baby in den hohen Norden eher Bewunderung sammelten als Sorgen?

Emma Bessi beklagt sich in ihrem Werk „Tante Emma und der Schnee-Express“ über die Umweltzerstörung durch Windräder und erklärt zugleich, was intelligente und noch intelligentere Kinder darüber zu denken haben. Nutzt aber selbst einen Flieger von Berlin nach Wuppertal, wo man in fast selbiger Zeit die Bahn bevorzugen kann.

Es ist schon grenzwertig, wenn die Autorin erzählt, sie müsse ihre beiden Spiegelreflex den Zollbeamten an der dänischen Grenze erklären. Falls es noch nicht durchgedrungen ist: Wir haben freien Warenverkehr innerhalb der EU und man darf alle legalen Dinge ohne Verzollung mitführen. Wohlgemerkt, es schreibt nach eigener Darstellung eine angehende Journalistin, die sauber recherchieren können sollte.

Narvik ist für sie eine langweilige Stadt, dabei ist es der angeblichen Journalistin und Militärhistorikerin wohl entgangen, dass es dort ein sehr bewegendes Kriegsmuseum und einen der wichtigsten Erzhäfen der Nordhalbkugel gibt. Um nur zwei wirklich empfehlenswerte und durchaus auch Kind-gerechte Attribute dieser Stadt zu erzählen. Oder wie wäre es mit der Outdoor-Galerie mit Bildern einer Schulklasse in der Altersklasse ihrer Nichte über die eigene Stadt? Oder der traumhaften Fjordaussicht auf der Anhöhe der Stadt? Oder die stärksten Lokomotiven mit den längsten Güterzügen in Europa?

Ich hatte die Erwartung, dass ein solches Werk sich inhaltlich an einen roten Faden hält, der wie das Gleis von Wuppertal bis Narvik führt. Hätte mir gewünscht, dass man etwas über die Züge, über die Bahnhöfe, über die Haltepunkte, über die Kinderprogramme, über echte Geschichten entlang der Route erfährt. Aber wenn sowohl Kind wie auch Tante Emma scheinbar durchgehend einen Knopf im Ohr haben und Torfrock oder Dirk Bach lauschen, wird man wenig von der eigenen Reise erleben.

Die Gestaltung des Buches „Emma und der Schnee-Express“ weckt Erwartungen, die inhaltlich in teils vulgärer Sprache schon auf den ersten Seiten ins Leere laufen. Schlecht recherchiert und fahrig geschrieben. Schade, dass Conbook sich mit solchen Ausgaben den eigenen Ruf verdirbt.

Details zum Buch „Emma und der Schnee-Express“

Blick ins Buch

  • Erscheint: September 2021 (1. Auflage)
  • Premium-Paperback mit Einbandklappen, 288 Seiten
  • ISBN: 978-3-95889-401-3
  • € 16,95 [D] • € 17,50 [A] • SFr. 24,50* [CH]

2 Comments

  • Ich habe das Buch gerade gelesen und muss eine Korrektur aussprechen: Frau Bessi fliegt nicht von Berlin nach Wuppertal, sondern fährt mit dem Zug (weil sie verschlafen hat). Ansonsten stimme ich Ihrer Rezension zu, ich hatte auch etwas anderes erwartet. Da gibt es sicher mehr über die Bahnhöfe, Städte zu berichten. Da es eine sehr lange Strecke ist, kann man ein 6jähriges Kind nicht „dauerbeschäftigen“, was Frau Bessi ja auch nicht getan hat. Aber es gibt sicher das eine oder andere Interessante, was der Leser bzw.die Leserin gerne erfahren hätte.

    Mit freundlichen Grüssen

    D. Schumacher

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