Sulitjelma – und am Ende der Straße steht ein Haus am See…

Sulitjelma, Nordland, Langvattnet, Leica M Elmarit 2.8 28 asph.
Sulitjelma, Nordland, Langvattnet, Leica M Elmarit 2.8 28 asph. | © mare.photo

Wer in den Norden von Norwegen reist, kommt um den Verkehrsknotenpunkt Fauske kaum herum. Nach Westen geht es zu den Lofoten, in den Norden eben in den Norden. Von Süden kommen wir und- ach ja, da gibt es ja noch den Osten…..

Im Osten geht die Sonne auf, auch in Sulitjelma

Sulitjelma gehört zur Kommune Fauske und liegt in der Provinz Nordland. Bis 1991 wurde hier Schwefelkies und Kupfer abgebaut und….. So ungefähr hört sich eine ganz sachliche Beschreibung eines Online-Lexikon für einen norwegischen Ort an, der in besonderem Maße emotional entdeckt werden will mit all seinen Unzulänglichkeiten und seinem ganz eigenen Charme eines Lost Place von Norwegen.

Für alle, die auf ihrer Agenda die Selfi-Sammlung aller berühmten Sehenswürdigkeiten von Norwegen vervollständigen, darf gesagt sein, dass man sich den Besuch von Sulitjelma gerne sparen kann.

Für alle, die Norwegen entdecken möchten, wie es jenseits der werbewirksam besungenen Touristenpfade wirklich ist, denen ist Sulitjelma wirklich ans Herz zu legen. Sie wird eine 60 Kilometer lange Straße 830, die in Sulitjelma in einer Sackgasse endet, auch nicht abschrecken.

Sulitjelma, war da was?

Zugegeben, obwohl ich schon Jahrzehnte nach Norwegen reise, habe ich von Sulitjelma nie etwas gehört oder gelesen. In Reiseführern ist Sulitjelma so herrlich zurückhaltend beschrieben, dass man es ohne schlechtes Gewissen überschlägt.

Doch dann entdecke ich auf meerblog.de von Elke Weiler einen ziemlich berührenden Artikel über ihren Besuch in Sulitjelma, dass ich diesen ehemaligen und einigermaßen verarmten Ort mit in unsere Reisplanung nach Nordnorwegen aufnehme.

Und nun sind wir aktuell in Fauske, sehen das Hinweisschild nach Sulitjelma und biegen spontan ab. Immerhin sind es 60 Kilometer über die 830 und eben die gleiche Entfernung auf dem gleichen Weg zurück. 

Die Strecke nach Sulitjelma an sich allerdings ist traumhaft, überwiegend führt die Strecke immer am Wasser entlang, zweimal durch einen urigen dunklen Tunnel. Wir schlagen das Nachtlager in unserem VW Bus an einer kleinen Waldlichtung auf, die uns mit einem offenen Stollen schon mal auf das Thema einstimmt. Von der Lichtung gehen wir auf dem schmalen und sumpfig-rutschigen Waldweg zum Hellamovatnet, einem wahrlich mystischen Ort. Schneereste sind im Wald auch im Juni noch zu finden. Der Hellamovatnet, von der Größe mit einem großen Teich vergleichbar. Er ist lediglich durch den Straßendamm vom Fluss Langvasselva getrennt und zeigt Spuren, die auf eine kleine Hafenanlage deuten. Nur unweit donnert ein hoher Wasserfall ins Tal, unaufhörlich bringt er das Schmelzwasser der Berge hin zum Hellamovatnet und Langvasselva. Vatnet steht übrigens im norwegischen für Gewässer, Elva für Fluss.

Über den Langvasselva, der hier ins Tal in Richtung Fauske fliesst, lockt mich eine schmale Hängebrücke. Allerdings ist diese mittlerweile so baufällig, dass ich mir jeden Schritt überlegen muss, um nicht in die Schlucht des Langvasselva zu stürzen. Das ist von daher erwähnenswert, da anderenorts Fußgängerbrücken mit enormen Aufwand und extravaganter Architektur installiert werden, in diesem Fall aber zeigt, wie die einstige Bergbauregion abgehängt und irgendwie sich selbst überlassen ist.

Bisher konnten wir das Hellamovatnet über noch nichts in Erfahrung bringen, eine mögliche Erklärung liegt aber im nahe Sulitjelma mit seiner Kupferhütte. Vielleicht wurde hier, als es noch keine Straße gab, das Material aus dem Stollen in die Hütte transportiert- über das Wasser?

Heute ist Hellamovatnet, nur wenige Kilometer westlich von Sulitjelma gelegen, ein beliebter Angel- und Grillplatz bei Insidern.

Am anderen Vormittag geht es weiter, nach Sulitjelma. Wo nur ist das Bergwerk? Die erste Brücke führt nach rechts und so stehen wir auf der gegenüberliegenden Flussseite vor einem verschlossenen Stollen. Dieser wird heute für Übungen der örtlichen Feuerwehr genutzt. Allerdings startet hier auch ein kleiner Wanderweg durch die recht eindrucksvolle und abwechslungsreiche Natur. Von hier aus entdecken wir auch die Silhouette von Sulitjelma und werden nun in dessen Ortszentrum fahren.

Zuhause in Sulitjelma

Am Hang in bester Lage zeigt sich die ein oder andere große und frisch gestrichene Villa, am Fuße liegen die schlichten kleinen Dorfstraßen mit ihren Siedlungshäusern. Mehrfamilienhäuser wie hier in Sulitjelma sind in norwegischen Dörfern dieser Größe eher eine Seltenheit, in dieser Bergbausiedlung gehören sie zur Normalität. Die Fassaden könnten in der Regel wieder neue Farbe gebrauchen und an manchem Gebäude sind die Fenster mit Brettern zugenagelt. Alte Volvos, Opel oder Golf parken vor den Häusern, nicht immer mehr fahrbereit. Ein Jugendlicher mit seinem Moped wird gerade von einer jungen Polizistin kontrolliert, ein paar Vorhänge wehen aus dem Fenster des gegenüber liegenden Hauses. Auf der Anhöhe einer Straße ragt die kleine weiße Holzkirche hervor, sie zeigt Präsenz und sie lädt ein zu kommen und zu hoffen, ganz gleich, wie es im Ort gerade zugeht.

Der erste Eindruck von Sulitjelma hat so gar nichts mit der Kalenderblatt-Romantik von Norwegen zu tun. Und doch oder deswegen wirkt Sulitjelma nahbar. Hier ist nichts konserviert, hier zeigt das Leben seine echten Spuren. Und die sind mitunter arm in dem so reichen Norwegen.

Ein paar Meter weiter sehen wir den Grund für den sichtbaren Verfall des Ortes- das verfallende Bergwerk von Sulitjelma. Wir parken unser Auto vor dieser Industriebrache und ich mache mich auf, die Umgebung zu erfassen, zu fühlen und zu portraitieren. Kalter Beton, der seine Risse bekommt, eine große Holzkonstruktion und immer wieder die schweren Stahlverbindungen, davor irgendwo eine Pausenbank, eine Feuertonne und ein Grill. Abgestellte Grubeneisenbahnen, ein Stapel Schienen, abgestellte Grubenfahrzeuge, ein altes Feuerwehrauto und ein Berg von Bauschutt.

An den Fassaden entdecke ich die übergroßen Street Arts, welche den Gründer der Mine, aber auch deren Verfall auf ihre eigene plakative Art kommentieren. Die komplette Industrieruine ist eine wahre Street Art Galerie, die entdeckt und interpretiert werden will.

Ob ich hier sein darf? Ob ich mich hier in Sulitjelma auf diesem Industriegelände so frei bewegen darf? Anderswo käme gleich eine Polizeistreife, würde mich befragen, vielleicht wegen Hausfriedensbruch anzeigen oder im günstigsten Fall des Platzes verweisen. Hier kommt mir eine Joggerin entgegen, dann eine alte Dame mit einer Einkaufstasche, wir grüßen uns kurz als sei die Begegnung hier mitten auf diesem verstorbenen Bergwerk das normalste der Welt.

Aber vielleicht ist es das auch, diese Normalität, in diesem Verfall zu leben, in diesem Ort ohne Zukunft, nahe der schwedischen Grenze und des Sulitjelma-Fjäll. 

Einst lebten hier 3000 Menschen, denn die Kupfergrube war die größte und wichtigste in Norwegen. Alle hatten ihr Auskommen. Doch dann kam das Jahr 1991, sozusagen die Stunde Null. Die Mine schloss und die Menschen standen ohne Arbeit da. Eine Alternative zum Bergbau gibt es nicht in Sulitjelma, 60 Kilometer vom Zentralort und Sitz der Kommune Fauske. Es folgte so etwas wie eine kollektive Depression, der Ort starb aus.

Doch nach und nach kamen Menschen zurück nach Sulitjelma, ihrem Zuhause. Es mögen heute etwa 400 bis 500 Menschen in Sultijelma leben, die meisten pendeln zur Arbeit nach Fauske, vielleicht in den dortigen Marmorabbau.

Damals, am Anfang  und heute, am Anfang, in Sulitjelma

Sulitjelma, Langevatnet, Kodak Ektar, Leica M Elmarit 2.8 28 asph.

Sulitjelma, Langevatnet, Kodak Ektar, Leica M Elmarit 2.8 28 asph. | © mare.photo

Dabei hatte alles einmal in Sulitjelma ganz hoffnungsvoll angefangen. irgendwann im 19. Jahrhundert, als Norwegen noch ein recht armes Land war, entdeckte der Same Mons Petter einen Klumpen glitzerndes Kupfererz. Eine wahre Goldgräberstimmung brach aus, überall entstanden Stollen. Immer mehr Menschen kamer hier her, dankbar darüber, Geld verdienen zu können. Das Bergbauleben lief zunehmend in geordneten Bahnen. Bis eben 1991 das Licht ausging.

Heute ist in Sulitjemla ein neuer kleiner Supermarkt entstanden, ein moderner Landhandel, gleich neben dem Sportplatz. Er ist so etwas wie der Treffpunkt von Sulitjelma, hier gibt es die Post ebenso wie einen Becher Kaffee und das Brot aus dem Backregal.

Das neue Geschäft macht Hoffnung. Es sorgt für eine ganz bescheidene Anzahl von Arbeitsplätzen, zeigt aber auch, das es sich wieder lohnt, hier zu sein. Hier ins Sulitjelma.

Ein Teil der Kupfermine in Sulitjelma ist heute Grubenmuseum und auch in der ganz alte Anlage mit ihren Schmelzöfen ist der Abriss gestoppt. Umgeben von Halden versucht man zu erhalten, was zu erhalten ist. Vorsicht beim Betreten ist unbedingt geboten, festes Schuhwerk ist zwingend, ebenso ist dieses Areal unbedingt kein Kinderspielplatz.

Gleich darunter lädt die Grubenausstellung Sulitjelma mit integriertem Tourist-Büro in einem Neubau ein, wenn es in der kurzen Hauptsaison geöffnet hat.

Einen ganzen Tag sind wir hier in Sulitjemla, vor der Saison Anfang Juni. Der Ort wirkt wie ausgestorben. Und doch, je genauer wir hinschauen, entdecken wir hier das Leben. Leben in einer Form, wie es authentischer in Norwegen kaum sein kann.

2 Comments

  • Lieber Kai,
    das freut mich sehr, dass ich euch inspirieren konnte, nach Sulitjelma zu reisen! Noch mehr freut mich, dass es dort oben wieder bergauf geht, dass es neue Initiativen gibt, dass wieder Leben im Ort entstanden ist. Ich werde auch erneut hinfahren, es gibt sogar die Möglichkeit, dies mit dem Zug zu tun. Auch Bodø mit seinen Gegensätzen und Möglichkeiten hat mir sehr gut gefallen.
    Liebe Grüße,
    Elke

    • Liebe Elke.
      Bodø wird eine ziemlich spannende Stadt. Bodø revolutioniert gerade seine komplette Architektur, allein das Rathaus wird das reinste Kunstobjekt. Ich kann das alles noch gar nicht so erfassen, obwohl ich das Zentrum fotografiert habe. Aber dazu gibts dann auch noch einen Artikel:-)
      Es ist wohl auch in Diskussion, die Bahnverbindung bis nach Tromsø zu verlängern.

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