Ab nach Norwegen in den Schnee – was es dazu wirklich braucht

Ab nach Norwegen in den Schnee… Zwar fahren die meisten Menschen eher in der kurzen Sommersaison in den hohen Norden, doch Schneegarantie und traumhafte Landschaften wecken immer höheres Interesse, Norwegen auch im Winter zu bereisen. Doch worauf muss ich dabei achten?

Ab nach Norwegen in den Schnee – und nicht in ein Katastrophengebiet

Nordland- Reisende machen sich grundsätzlich Gedanken, wie sie sich dem traumhaften Skandinavien nähern. Und der Outdoor-Boom hat es mit sich gebracht, dass wir uns für alle Eventualitäten rüsten. Koste es, was es wolle.

Outdoor ist zur Mode geworden, selbst in Städten hat man heute militärähnliche Geländefahrzeuge mit Straßenbaufahrzeug-gleicher Bereifung. Wenn Menschen heute bei grau bedecktem Himmel und leichten Wind hinausgehen, fragt man sich durchaus einmal, ob sie für eine Mondlandung trainieren.

Insbesondere ist in unserem Inneren das wilde und unberechenbare Skandinavien mit Einsamkeit und Dramatik fest verwurzelt. Dem wollen wir entschlossen begegnen und dieses wilde, ungestüme und unberechenbare Land erobern und bezwingen. Also rüsten wir auf. Ob es Sinn macht oder nicht, blenden wir aus, es geht ja auch um Außendarstellung. Je dramatischer unser Auftreten, unsere Erzählungen, je mehr werden wir beachtet, bewundert und beneidet.

Dabei kann man eigentlich ganz entspannt sein. Skandinavien ist ein ziemlich entspanntes und traumhaftes Gebiet, in dem Touristen heute ziemlich schnell als solche identifiziert werden können. Ganz gleich aus welchem Land. Denn die Norweger, bleiben wir im landschaftlich dramatischsten Land, sind doch deutlich entspannter. Warum also machen wir es ihnen nicht gleich und haben mit wenig Aufwand ein ebenso tolles Erlebnis?

Brauche ich im Norwegen ein Auto mit Allradantrieb?

Zugegeben, wir fahren aktuell einen Bulli mit Allradantrieb und mit einer Standheizung. In der Tat fahren wir jeden zweiten Kilometer mit unserem VW Bus innerhalb Schweden, Finnland oder Norwegen. Sommer wie Winter.

Und, wir haben das ganze Jahr über Winterreifen aufgezogen. Und zwar die besten, die es am Markt gibt.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass wir mit einem alten Bulli mit Heckantrieb bis vor wenigen Jahren in Skandinavien unterwegs waren, ebenfalls Sommer wie Winter. Nicht ganz so komfortabel, aber nur minimal weniger entspannt.

Wir sind mit dem Allrad in dem tiefsten Gegenden Norwegens und treffen Einheimische, die oftmals den Kopf schütteln und einen ganz normalen PKW fahren, Sommer wie Winter. Zum einen haben sie allerdings Spikes, weil die Straßen oft vereist sind, zum anderen ziehen sie Schneeketten auf, um durchzukommen. Und wenn es gar nicht geht, nehmen sie ihr Schneemobil oder bleiben zu Hause.

Wir dürfen leider keine Spikes fahren, oder wir lassen uns die 20 Kilometer bis zur dänischen Grenze nicht erwischen. Aber die Spikes helfen eben vor allem bei Glätte und da vor allem beim Bremsen. Und Bremsen kann man mit und ohne Allrad nicht besser oder schlechter.

Wenn es in Norwegen schneit, also wirklich schneit, nützt auch kein Allrad mehr etwas. Auch kein ganz großer Allrad im LKW-Modus. Denn dann werden die Straßen schlichtweg gesperrt. 

Das wir einen Allrad fahren, hat lediglich damit zu tun, dass wir in den Norden fahren, wenn niemand dorthin fährt und dass wir in Gegenden fahren, die abseits jeder Empfehlung eines Reiseführers liegen. Würden wir also nur im Sommer nach Norwegen fahren, hätten wir einen gewöhnlichen Front- oder Heckantrieb.

Macht in Skandinavien ein höher gelegtes Fahrzeug Sinn?

Mit martialisch anmutenden Fahrzeugen fühlt man sich ja schnell überlegen, lächelt ein wenig über die anderen, die vielleicht nicht ganz so schnell durch kommen oder fährt auf einen Hügel, auf den man sowieso nicht stehen darf. Die Lust ist groß, zu zeigen, dass eine robust aussehende Ausstattung Sinn macht und so sucht man nach Orten, um seine Ausstattung zu rechtfertigen. Doch, man findet sie nicht. Na ja, zumindest sieht es dann so aus, als wenn man könnte, wenn man doch nur müsste.

Muß man in Norwegen aber nicht, auch in Schweden und Finnland nicht. Die Straßen und Wege sind so gut ausgebaut, oft besser als bei uns. Selbst aus Russland kommend haben wir Bullifahrer getroffen, mit ganz normaler Ausstattung.

Vielmehr raten wir von höher gelegten Fahrzeugen eher ab. Denn sie sind wesentlich unkomfortabler, weil ihre Federung deutlich straffer ist. Wer also mit einem höher gelegten Fahrzeug in Norwegen über Bodenwellen fährt, die gerade durch die extremen Temperaturen und Schneeschmelzen entstehen, wird die Höherlegung mit jeder Welle im Rücken spüren, ähnlich einen tiefer gelegten Auto. Im Winter werden die Straßen zudem perfekt geräumt. 

Abgesehen davon steigt der Verschleiß, weil Getriebe und Ausgleichsgetriebe wesentlich höher belastet werden. Eine Höherlegung macht auf Island vielleicht Sinn, um durch Wasserfurten zu fahren, in Skandinavien aber, wie geschildert, völlig überflüssig. Wir haben einen Bulli mit Höherlegung gefahren, würden dies nie wieder tun.

Die Menschen, die am besten mit den örtlichen Gegebenheiten auskennen, sind die Norweger und Schweden selbst.Und die fahren, wie eingangs erwähnt, in der Regel einen ganz normalen PKW, packen sich eine Dachbox auf und haben perfekte Winterräder und ggf. Schneeketten. Abgesehen von der Modeerscheinung der SUV.

Warum wir einen Bulli und keinen normalen PKW fahren? Ja, die Frage stellen wir uns auch regelmäßig. Allerdings haben wir kein Zweitwagen, kein Wohnmobil. Wir übernachten im Bulli mit Hund und zwei Kindern, das würde sonst ein wenig eng. Vor allem aber stellt sich für uns die Frage, ob wir überhaupt noch ein Auto nutzen müssen, um Skandinavien, um Norwegen zu entdecken. Das aber wird ein anderer Beitrag.

Was also sollte man wirklich nutzen?

Ich habe im letzten Jahr ein wunderbares Interview mit der wunderbaren Constanze John geführt. Sie arbeitet für den Deutschlandfunk und bereist die Welt, um dort Menschen und Kultur zu entdecken. Darin kommen wir auch auf ihre Ausstattung zu sprechen.

Mein Rucksack ist ein Schulrucksack für 14 €, flache Schnürschuhe müssen bequem sein, der Rock muss weit genug sein, um nie zu behindern…Mein Smartphone habe ich dabei, verwende da aber keineApps, sondern frage lieber die Leute am Ort. Ich habe prinzipiell Zeit. Hätte ich im höchsten Dorf Europas, in Uschguli, in Georgien, nur die touristische Tagestour absolviert, hätte ich natürlich auch viele schöne Fotos dieser beeindruckenden und unter UNESCO-Weltkulturerbe-Schutz stehenden Wehrtürme machen können, wäre ich aber nie der jungen swanischen Regisseurin begegnet, die einen Film über die alte Kultur von Frauenraub und Blutrache gedreht hat, und auch nicht dem  wunderbaren Maler Pridon… Kein Einheimischer wird einen vorüberhastenden Touristen aufhalten wollen…

Nun geht es in diesem Artikel ja um den Winter in Norwegen, im Kern aber zeigt das Statement einer Constanze John, worauf es wirklich ankommt. 

Weniger ist mehr und wer mit wenig Gepäck reist, wird weniger mitschleppen, weniger suchen und weniger vermissen. Es sind nur eine Handvoll Tipps zu beachten, aus eigener Erfahrung. Und wenn ich auf ein Produkt verlinke, dann, um es beispielhaft zu zeigen. Amazon-Verlinkung lehnen wir ausdrücklich ab. Wir bekommen für unsere Verlinkungen auch keine Vergütung, es handelt sich also ausdrücklich nicht um Werbung.

Winterreifen

Es gibt Winterreifen, über die wundert man sich. Sie werden über den Preis verkauft und sie sind so billig, wie sie kosten. Schlichtweg, sie taugen nichts. Man sollte, wenn man nach Skandinavien fährt und zwar ganz gleich ob mit oder ohne Allradantrieb, nur das beste an Winterreifen nehmen, was es gibt. Denn vor allem die Bremswirkung  wird man schätzen lernen, wenn man auf Straßen unterwegs ist, an denen es ohne Leitplanken abwärts geht oder, wenn man einen kurvenreichen Pass hinab fährt.

Ebenso sollte man durchschnittliche Profiltiefen austauschen und die bereits gebrauchten Winterreifen im Sommer über fahren. Wir fahren durchgehend Winterreifen. Denn, vor allem im Raum Trøms-Finnmark kann es auch im Sommer zu Schneefällen kommen.

Die schwedische Schneeschaufel

Die Skandinavier haben vor ihrer Haustüre eine für den Norden ganz typische Schneeschaufel. Eine solche habe ich in Norwegen in einem normalen Landhandel erworben, übrigens ein schönes Mitbringsel für sich selbst. Sollte man also wirklich einmal nicht weiterkommen, schafft man mit dieser stabilen Schaufel selbst festen und schweren Schnee beiseite. Und kann sich nur Not eine kleine Schneehöhle bauen oder den Zugang zu gemieteten Hütte frei machen. Schwedische Schneeschaufel

Decke und Schlafsack

Eine Schafschurwolldecke und einen dicken Schlafsack sollte man unbedingt mitnehmen. Ja, es gibt auch Fleecedecken, die sind natürlich billig. Nicht preiswert aber billig. Allerdings können wir Fleece aufgrund der hohen Belastung aus Mikroplastik nicht empfehlen. Schafschurwolle wärmt gigantisch, ohne dass man schwitzt. Sie ist zwar ein wenig kratzig, aber die Vorteile wie Schmutzabweisung, Umweltverträglichkeit und Isolierung überwiegen. Schaftschurwolldecke

Einen Schlafsack mit guter Isolierung, einen sogenannten 3-Saisons-Schlafsack ist ideal, wenn man unterwegs nicht weiterkommt und es draußen kalt ist. Wir haben persönlich die besten Erfahrungen mit Fjällräven-Schlafsäcken gemacht, weil diese hervorragende Isolierung und ein vergleichsweise geringes Packmaß bieten.

Thermoskannen und Wasser

Bei einer längeren Autofahrt empfiehlt sich pro Person eine gute Edelstahl- Thermoskanne mit 1,5 Liter Tee oder Kakao, möglichst mit wenig Zucker. Auch zum Reinigen oder zum Anrühren von Babybrei kann warmes Wasser unterwegs traumhaft sein. 

Schuhe und Gamschen

Gute Wanderschuhe mit einer rutschfesten Sohle kosten Geld. Aber das tut deutlich weniger weh als ein aufgeschlagenes Gesicht oder ein gebrochener Arm. Man sollte nicht auf Schuhwerk hereinfallen, was robust aussieht aber schnell durchnässt. Marken wie beispielsweise Meindel oder Lowa sind auf ihrem Gebiet spezialisiert. Gute Beratung in einem Outdorgeschäft sollte man sich gönnen und natürlich den Service auch mit einem Kauf vor Ort honorieren. Alles andere wäre ja asozial.  Wenig beachtet aber genauso wichtig ist die Gamasche. Sie verhindert, dass Schnee und Wasser in den Schuhschaft kommen und die Füße und somit der ganze Körper unangenehm auskühlen. Gamaschen

Sonstige Bekleidung

Generell gilt, weniger ist mehr. Es braucht keine Modenschau, um gut auszusehen. Schönheit strahlt man aus. Und je weniger man waschen muss, um so mehr Zeit bietet der Urlaub. Schurwolle ist ein toller Wärmegarant und lüftet gerade bei kalten Temperaturen hervorragend aus. Ein Windstopper in Kombination mit einem Pullover wird man nicht mehr missen möchten. 

Generell aber gilt der alte Zwiebellook. Man trägt mehrere Schichten übereinander und entfernt diese dann entsprechend seines Wärmeempfindens. Man sollte auf sehr gut isolierende Handschuhe achten und ebenso auf eine Mütze. Wird das Wetter ungemütlich, wiegt man eine Sturmhaube in Gold auf. 

Eine gute Sonnenbrille ist im Schnee und bei Sonne zwingend. Auf UV-Filter achten. Die Sonnenbrille sollte möglichst dicht abschließen, dass seitlich kein Licht eindringt. Ohne Brille läuft man Gefahr, Schneeblind zu werden oder sich bei extremer Sonne die Augen zu verfilzen. Und Schnee in Kombination mit Sonne ist extrem.

Lebensmittel und Tierfutter

Lebensmittel und Tierfutter für die Fahrt und vielleicht noch für zwei weitere Tage machen Sinn. Darüber hinaus nicht. Zum einen kann man in Norwegen, beispielsweise im Kiwi, im Schnitt zu ähnlichen Preisen einkaufen wie zuhause. Zum anderen lernt man auch regionale Spezialitäten und Geschmäcker kennen. Und- man gibt dem Ort, an dem man ist, ein wenig zurück. Tierfutter darf übrigens nicht eingeführt werden.

Und sonst noch?

Ansonsten gute Fahrt und viele schöne Begegnungen. Diese hat man, sobald man aussteigt. Die größten Chancen liegen dabei im eigenen bescheidenen Auftreten. Und in der eigenen Offenheit.

Es braucht nicht viel, um zu reisen, auch nicht in den hohen winterlichen Norden. Abrüsten ist eher die Devise. Denn so haben auch noch unsere Kinder und deren Kinder eine kleine Chance, einen Winter in Norwegen zu erleben.

Wir haben übrigens genau unbeschwerte Urlaube mit einer Anreise durch Bus und Bahn erlebt. Und werden es auf diese Tour wiederholen. 

Link-Tipp

Einen etwas anderen Ansatz, spannend wie informativ, dazu ebenso aus der Praxis gibts im Nordlandblog.

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