Finnmark

Die weiße Kirche in Honningsvåg (Honningsvåg Kirke)

Honningsvåg, Magerøya, Leica M Elmarit 2.8 28 asph., Kodak Ektar, mare.photo
Honningsvåg Kirke, Nordkapp, Magerøya, Kodak Ektar, Leica M Elmarit 2.8 28 asph. | © mare.photo

Sie ist nur eine von vielen Holzkirchen in Norwegen, doch ist sie die einzige in ihrer Umgebung. Zudem gehört sie zu den nördlichsten Kirchen in Europa. Spannend wird sie, wenn man sich mit ihrer Geschichte beschäftigt.

Die weiße Kirche zu Honningsvåg (Honningsvåg Kirke)– das Zeichen der Hoffnung

Kommt man beispielsweise mit den Hurtigruten in Honningsvåg auf Magerøya an, um von hier aus zum Nordkap zu fahren, wird in mitten der kleinen Stadt die bescheidene schneeweiße Kirche auffallen, die Honningsvåg Kirke. Die ist das älteste Gebäude auf Magerøya und sie durfte stehen bleiben, als alles um sie herum in Trümmern lag. In dieser schweren Zeit wurde die Kirche Honningsvåg Kirke Basisstation eines Neuanfanges. Kann es ein schöneres christliches Symbol geben?  Wir setzen uns in dieses Gotteshaus mitten in Honningsvåg und begegnen seiner Geschichte.

Die ersten Kirchen auf der Nordkap-Insel Magerøya

Besucht man die kleinen Fischerdörfer auf der Nordkap-Insel Magerøya, so stellt man fest, dass diese an den Küsten der Insel liegen. Denn die Barentssee war einst reich an Fisch und so mussten die Fischer keine weiten Wege zu den Fanggründen in Kauf nehmen. Bereits im Jahr 1589 hatte jedes kleine Fischerdorf seine eigene kleine Kirche. Es gab je eine in Gjesvær, in Tunes, Opnan, Helnes, Lille Skarsvåg und in Kjelvik. Die erste Kirche soll in Kjelvik kurz vor dem Jahr 1500 errichtet worden sein.

Stürmische Zeiten auf Magerøya

Wer einmal im Winterhalbjahr auf Magerøya war, hat ein Gespür, wie dramatisch das Wetter in dieser Region sein kann. Mitunter ist dann selbst zu Europastraße E69 für die Tage des Sturmes komplett gesperrt. Solche Stürme haben auch immer wieder die Fischersiedlungen unbewohnbar gemacht und die Menschen aus den kleinen Dörfern vertrieben.

Und so bekam der kleine Ort Kjelvik im Jahr 1844 eine neue Kirche, andere Orte waren zu diesem Zeitpunkt bereits verlassen. Die Kirche in Kjelvik war demnach das einzig verbliebene Gotteshaus auf Magerøya. Doch wieder zog ein schwerer Orkan über Magerøya. Das war im Jahr 1882. Der Orkan tobte über die gesamte Finnmark hinweg und war so schwer, wie die Menschen ihn lange nicht erlebt haben. Er zerstörte alles, was sich ihm in den Weg stellte. Und auch die Kirche in Kjelvik hielt diesem Sturm nicht mehr stand. Nichts, was von ihr noch übrig blieb.

Ein neues Kirchenjahr in Honningsvåg auf Magerøya

Eine neue Kirche musste her, aber die sollte für alle gut zu erreichen sein. Und so überlegte man, sie zentral in Sarnes oder in Honningsvåg zu bauen. Für Honningsvåg sprachen letztendlich die zentrale Lage und der geschützte Hafen. So konnten auch die Fischer in ruhigen Zeiten mit dem Boot hier her kommen. 

Aber wie sollte die neue Kirche in Honningsvåg  (Honningsvåg Kirke) nun aussehen? Der erste Entwurf des Architekten J.W. Nordan zeigte ein klassisches Langschiff, in dem 210 Menschen zum Gottesdienst sitzen konnten. Doch würde die Größe reichen? Immerhin kamen jedes Jahr im Frühjahr etwa 800 Fischer von außerhalb in diese Gewässer, auch sie sollten Platz finden. Eine Kirche mit 400 Sitzplätzen wäre angemessen. Doch letztendlich siegte die Realität und man baute die Kirche in Honningsvåg mit 255 Sitzplätzen.

Man schaute, wer denn Erfahrungen hatte, ein Gotteshaus in einer solchen von Wind und Wetter gezeichneten Region bauen zu können. Es bot sich der Baumeister D.G. Evjen an, unter dessen Regie bereits einige Kirchen in der Finnmark gebaut wurden. Am 22. Oktober 1885, fast drei Jahre nach der Zerstörung der letzten Kirche auf Magerøya, wurde die Kirche in Honningsvåg geweiht. Dazu reiste mit dem Boot der Probst Balke aus Karasjok an. Im Jahr 1910 wurde der Friedhof gleich neben der Kirche angelegt, im Jahr 1930 wurde er erweitert.

Besetzung und Zerstörung während des Zweiten Weltkrieges

Mit der Besetzung Norwegens durch die deutsche Wehrmacht im Verlauf des Zweiten Weltkrieges gewann auch Magerøya an strategischer Bedeutung und kam so unter deutsche Kontrolle. Am 14. Juli 1942 gab es einen schweren Bombenangriff der Alliierten auf Honningsvåg, elf Menschen verloren ihr Leben.

Wollte die Wehrmacht aus der Finnmark heraus Murmansk in Russland erobern, wendete sich das Blatt und russische Soldaten drängten die Besatzer immer mehr zurück. Doch die deutschen Soldaten sollten den Russen keine Logistik hinterlassen, wenn sie fluchtartig abziehen würden. Ganz gleich ob Fischerboote oder Häuser, alles wurde im Rahmen der verbrannten Erde zerstört, bombardiert, in Brand geschossen oder angezündet. Davor wurde auch die Insel Magerøya nicht verschont, auch nicht Honningsvåg. Am 28 Oktober 1944 ordnete Hitler die Zwangsevakuierung der Finnmark an, sie hatte bis zum 10. November 1944 zu erfolgen. Etwa 100 Menschen versteckten sich auf Magerøya in den Bergen.

Am 6.November begann man mit der Zerstörung von Skarsvåg, Kamøyvær, Tufjord und Gjesvær. Am 11. November zündeten die Befehlsempfänger der deutschen Wehrmacht in blindem Gehorsam alle Häuser und verbliebenen Boote in Nordvågen an und am 13. November 1944  auch in Honningsvåg. Am Heilig Abend waren Hitlers Schergen fertig mit ihrer blindwütigen Zerstörung.

…und sie hatten keinen Platz in der Herberge… 
wird man an jenem Abend in allen deutschen Gottesdiensten aus der Weihnachtsgeschichte gelesen haben

Alles lag in Schutt und Asche. Nichts, was Engländer, Russen oder Amerikaner bei einer Landung oder Besetzung brauchen konnten, stand. Stattdessen wurden Minen ausgelegt. 

Neuanfang

Die Menschen von Magerøya hatten ihre Heimat verloren, sie waren irgendwo in Norwegen verteilt, oft in Lagern, da man sie unterbringen musste. Dann kam der erlösende 8. Mai 1845. Das Nazisystem kapitulierte. Und so konnten es die Menschen von Magerøya nicht erwarten, endlich wieder nach Hause zu kommen, auf ihre geliebte Insel, in ihre geliebte Kirche.

Die ersten Heimkehrer kamen im Sommer 1945 und sie sahen diese endlose Zerstörung. Aber eines stand. Irgendein Mensch hat wohl doch am Heiligen Abend, am Ende der Aktion Verbrannte Erde soviel Respekt vor dem Weihnachtsfest gehabt, dass er die Kirche Honningsvåg nicht anzündete. Im Gegensatz zu den anderen Kirchen in der Finnmark.

Honningsvåg, Kirke, Nordkapp, Magerøya, Kodak Ektar, Leica M Elmarit 2.8 28 asph.

Honningsvåg Kirke, Nordkap, Magerøya, Kodak Ektar, Leica M Elmarit 2.8 28 asph. | © mare.photo

Umgeben von schwarzen, verkohlten Gebälk, von verbrannten Brettern, von einer Wüste an Zerstörung, da stand sie, unbeschadet, die weiße Kirche zu Honningsvåg. Sie wurde ein Zeichen der Hoffnung für Magerøya, für Honningsvåg. Ein Zeichen für einen neuen Frieden.

Die ersten Heimkehrer nutzten die Kirche in Honningsvåg nun zum Übernachten, richteten hier ihr Lager und eine provisorische Feldküche ein. Sie eröffneten in der Kirche Honningsvåg sogar eine kleine Backstube. Mehr als 100 Menschen wurden durch die Kirche Honningsvåg versorgt. Zum Schlafen nutzten die Menschen jeglichen erdenklichen Platz, ob es im Turm, auf den Bänken, unter der Kanzel oder am Altar war. Symbolischer kann eine Welt nicht zusammen rücken, oder?

Zügig bauten sie neue schlichte Baracken im Zentrum von Honnngsvåg auf und so kam es, dass sie im gleichen Jahr, 1945, in dieser weißen Kirche Honningsvåg Heilig Abend und Weihnachten feiern konnten. Kann ein Weihnachtsfest schöner sein?

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