Finnkongkeila auf Nordkinn (Nordkyn): einfach ausradiert

Finnkongkeila auf Nordkinn (Nordkyn) um 1860 .Fotograf: Marcus Noodt | © Digitalmuseum Norge

Im Norden von Norwegen stoßen wir auf Spuren von Siedlungen, die noch zu Beginn des vorigen Jahrhunderts existierten. Heute erinnern nur noch ein paar Ruinenreste an deren Vergangenheit. Doch interessieren uns ihre Geschichten. Denn die haben diese Region geprägt.

Finnkongkeila auf Nordkinn (Nordkyn) – als wenn es Dich nie gegeben hätte

Finnkongkeila, das ist ein Ort auf Nordkinn (Nordkyn), zu dem keine Straße führt. Finnkongkeila liegt in der unwirtlichen Gegend von Nordkinn an der Barentssee. Diesen Ort zu entdecken braucht Gespür für die Umgebung, für die Menschen und – für die Geschichte. Die ist im Gegensatz zur ehemaligen Siedlung alles andere als schön und so bleiben wir eine Weile berührt und beschämt in Finnkongkeila.

Finnkongkeila  – ausradierte Heimat 

Nazi-Deutschland hat während des Zweiten Weltkrieges Norwegen besetzt. Für seinen Russlandfeldzug mit der Priorität, den strategisch wichtigen Hafen Murmansk an der Barentssee einzunehmen, wurde die Finnmark zum Aufmarschgebiet der Deutschen Wehrmacht. Doch das größenwahnsinnige Regime hatte sich verschätzt. An allen Fronten wendete sich das Blatt und auch Russland schlug erbittert an der Nordflanke zurück. Der Deutschen Wehrmacht blieb nur noch der Rückzug.

Aber es sollte nichts geben, was den Alliierten oder gar Russland helfen könnte, schnell nachzurücken. Und so gab es den Befehl der verbrannten Erde. Alles sollte dem Erdboden gleich gemacht werden, alles zerstört und niedergebrannt werden. Kein Haus, keine Strom- oder Telefonleitung, kein Vieh, keine Brücke, kein Baum sollte dem Feind von Nutzen sein. Dazu wurde die Bevölkerung unter Gewaltandrohung massenhaft vertrieben.

Finnkongkeila, Finnmark, Nordkyn, Digitalmuseum | © Digitalmuseum Norge

Finnkongkeila, Finnmark, Nordkyn, Digitalmuseum | © Digitalmuseum Norge

Alleine in der Finnmark wurden 10.563 Häuser zerstört, 4.700 Scheunen abgebrannt, genauso 27 Kirchen und 106 Schulen, 19 Krankenstationen und 306 Fischereieinrichtungen vernichtet. Ganze Wälder verschwanden. Kein Fischerboot war noch schwimmfähig. Die Finnmark glich einer trostlosen, verkohlten, Mondlandschaft. Auch die entlegenen Fischersiedlungen verschwanden von der Bildfläche. Mit ihnen auch das kleine samische Dorf Finnkongkeila. 

Finnkongkeila liegt am äußersten Ende des Tanafjord, im östlichen Teil der Halbinsel Nordkinn (Nordkyn) und gehört heute zur Gemeinde Gamvik. Finnkongkeila wurde nach seiner Zerstörung nie wieder aufgebaut. Keine Straße führt hier her. Nur ein paar Ruinenreste lassen erahnen, dass hier einst das Leben pulsierte.

Am Anfang war der Fisch

Finnkongkeila, Finnmark, Nordkyn, Digitalmuseum,

Finnkongkeila, Finnmark, Nordkyn, Digitalmuseum | © Digitalmuseum Norge

Die Barentssee galt eines der Fisch-reichsten Gewässer in Norwegen und Russland. So kam es, dass die Seesamen in der Mitte des 19. Jahrhunderts sich in dieser Bucht niederließen und Finnkongkeila gründeten. Der Name „Finnkonn“ steht vermutlich für einen samischen Opferstein, das Wort „Keila“ wird mit Gesundheit verbunden. Dieser riesige Stein wird im norwegischen als „König der Finnen“ bezeichnet und liegt an dem Ort, an dem sich die Samen ihm früher respektvoll näherten.

Etwa 1000 Fischer siedelten sich im neuen Finnkongkeila an, auch, wenn die Witterung hier gnadenlos für Schnee und Sturm sorgen kann. Lawinen- und Geröll-Abgänge gehörten in den langen Wintermonaten zu den ständigen Gefahren. Finnkongkeila ist umgeben von hohen Berghängen.

So herausfordernd das Leben im kleinen Ort Finnkongkeila war, so zufrieden waren die Fischer mit ihren Familien hier. Im Frühling und Sommer gingen sie dem Fischfang nach, denn der Winter ist lang, dunkel und unberechenbar. Und so verbrachten sie die Wintermonate an geschützteren Plätzen auf Nordkinn.

Finnkongkeila wuchs schnell zur größten Fischersiedlung der gesamten Umgebung heran. Die Bucht von Finnkongkeila war klein und so wurde es durchaus eng, wenn in der hellen Jahreszeit die Fischer mit ihren Familien hier lebten. Die Häuser standen dicht aneinander.

Finnkongkeila, Finnmark, Nordkyn, Digitalmuseum | © Digitalmuseum Norge

Finnkongkeila, Finnmark, Nordkyn, Digitalmuseum | © Digitalmuseum Norge

Der begrenzte Platz im Ort musste gut organisiert werden und so bekam Finnkongkeila als erster Ort in der Finnmark einen eigenen Stadtplan. Der kleine Fluss bekam seitliche Mauern. Eine große Fischfabrik entstand. Eigene Köderhütten wurden errichtet, ebenso Lager für den verarbeiteten Fisch oder Wal. Sogar eine kleine Eisenbahn  brachte die Walleber vom Kutter zur Ölfabrik, um dort Lebertran zu gewinnen.

Dann kam der November 1944 über die Finnmark

Am 4. November 1944 brannte Finnkongkeila. Kurz zuvor wurde die Evakuierung angeordnet. Richtiger Weise muss man es aber Vertreibung nennen. Einige der Bewohner waren noch dort, als es passierte. Sie flüchteten in die Berge, mit allem, was sie noch tragen konnten. Wer nicht geflüchtet war, kam auf die südlich von Finnkongkeila liegenden Landungsboote.

Südlich des Dorfes lag ein großer Felsbrocken.Von dort aus schossen die Deutschen Soldaten Fallschirmfackeln auf das Dorf. Im November ist hier fast durchgehend Dunkelheit, aber da war es taghell. Der Himmel glühte im Schein der brennenden Gebäude. Da Finnkongkeila wie in einem halboffenen Kessel lag, war die Luft für die Menschen, die aufwärts in die Berge flüchteten, flimmernd heiß.

Finnkongkeila, Finnmark, Nordkyn, Digitalmuseum | © Digitalmuseum Norge

Finnkongkeila, Finnmark, Nordkyn, Digitalmuseum | © Digitalmuseum Norge

Selbst oben konnten die Bewohner, die in die Berge aufstiegen, auf dem Boden schlafend ausruhen. Wohlgemerkt, hier ist es um diese Zeit arktischer Winter. Insgesamt retteten sich 18 Menschen in die Berge und warteten im Schutz eines steilen Felsens etwa 15-20 Tage ab, was passieren würde. Immer wieder suchten die deutschen Besatzer die Küste ab auf der Suche nach Menschen. Sie würden auf jeden schießen, den sie jetzt noch finden würden.

Doch die Lage hatte sich beruhigt und so begaben sich die 18 Menschen wieder in das, was von Finnkongkeila übrig geblieben war. Sie reparierten ein paar Boote und ruderten im Schutz der Dunkelheit in den Tanafjord. Aber alle Siedlungen, die sie erreichten, waren niedergebrannt. Dann wurden sie aufgegriffen von anderen Booten aus Vardø und Båtsfjord, die nach versprengten Menschen Ausschau hielten. Sie fuhren dann nach Vardø und kamen nach Gamvik, als die Zerstörungen beseitigt und die Orte wieder aufgebaut wurden.

Doch Finnkongkeila wurde nicht wieder aufgebaut. Zu gefährlich sei es hier und auch nicht zugänglich. Heute ist Finnkongkeila eine untergegangene Stätte, in der das Leben über Nacht endete. Heute kommen selten Menschen hier her, zu mühsam ist der Weg über die Berge oder das Meer. Aber ein Besuch wird mit einer einzigartigen Begegnung mit diesem alten heiligen Ort belohnt.

 

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