Die Blaue Stunde

Blaue Stunde in Rendsburg | © mare.photo
Blaue Stunde in Rendsburg | © mare.photo

Wie schön sind doch die Sonnenuntergänge. Und so finden sich an unserer Westküste, wo die Sonne im Sommer so spät untergeht wie bis Südafrika nicht mehr, Fotografen und Knipser, die genau auf den Moment warten, bis die Sonne am Horizont verschwunden ist. Dann hat der Himmel seine Schuldigkeit getan und eiligen Schrittes geht es nach Hause. Dabei kommt doch jetzt eigentlich der schönste Moment. die Blaue Stunde.

Schon seit Ewigkeiten lassen sich Künstler von dem Licht inspirieren, welches während des Überganges vom Tag bis zur Nacht entsteht. Die warmen orange-gelben Farben des Himmels im Westen gehen fließend ins kühle Blau der Nacht über. Die Welt taucht ein in ganz eigenes Licht.  Schaut man auf den Farbkreis, wird man merken, dass sich genau diese Farben gegenüberstehen, man spricht hier auch von Komplementärfarben.

Blaue Stunde am Nord-Ostsee-Kanal in Rendsburg | © mare.photo

Blaue Stunde am Nord-Ostsee-Kanal in Rendsburg | © mare.photo

Die ersten künstlichen Beleuchtungen sind jetzt angeschaltet und es breitet sich eine melancholische Ruhe aus. Die Hektik und Betriebsamkeit des Tages verschwindet. Das Licht des aufkommenden Nachtimmels schafft es nicht mehr, andere Lichtquellen zu überstrahlen.

Je nach geografischem Standpunkt und der Jahreszeit dauert diese Stimmung etwa 30 – 50 Minuten, erfahrungsgemäß hat man etwa 20 Minuten Zeit, möchte man genau diese Stimmung fotografieren. 

Jetzt ist die Zeit für Langzeitbelichtungen, um die Ruhe dieser Stimmung zu unterstreichen oder aber auch den Autoverkehr, dessen Lichter nun helle Streifen auf die Bilder malen. Ein stabiles (!) Stativ ist also unerlässlich. Denn mit dem Stativ hat man neben der Konzentration auf das Bild auch die Muße, die Blaue Stunde selbst zu genießen.

Blaue Stunde Architektur | © mare.photo

Blaue Stunde Architektur | © mare.photo

Es gibt ja heute für allen Blödsinn eine App, ebenso auch zum Errechnen für die Blaue Stunde. Brauchen wird man so etwas ehrlicherweise nicht. Geht man hinaus, bekommt man ein Gefühl für die Zeiten des Sonnenunterganges. Und so bietet sich eh an, rechtzeitig seinen Platz zu finden und auf den richtigen Moment zu warten. Ein warmer Pullover, auch im Sommer,  wird dabei ganz neue Sympathien wecken. Grundsätzlich sollte man sich aber bereits vorher sein Motiv ausgesucht haben, wer dies erst zur Blauen Stunde tut, kann getrost auch zuhause bleiben. Die Blaue Stunde ist einfach nichts für Spontanität.

Blaue Stunde in Rendsburg | © mare.photo

Blaue Stunde in Rendsburg | © mare.photo

Die Blaue Stunde ist auch nichts für Massenknisper. Ein bis zwei Motive, entsprechend ein bis zwei Bilder sollten reichen, wenn das Motiv gut überlegt und vorbereitet aufgenommen wird.

Ganz gleich, ob analoge oder digitale Fotografie, mit einer hohen Auflösung benötigt man eine längere Belichtung durch eine niedrigere Empfindlichkeit der Sensoreinstellung oder des Films. Durchaus angebracht ist eine Blendenöffnung von 8. Sollen Lichtpunkte als sternförmige Punkte erstrahlen, stellt man bis auf Blende 16 ein, das spart einen weichzeichnenden Sternfilter. Wünscht man sich recht weiche Lichtpunkte, öffnet man die Blende großmöglich.

Liegt oder steht im Vordergrund ein Gegenstand im Dunkeln, der es lohnt, angeleuchtet zu werden, bietet sich ein entfesselter Blitz mit einer manuellen Einstellung an. Belichtet wird aber immer auf den Hintergrund, denn der Himmel soll ja im richtigen Licht erstrahlen. Hat man die Belichtung irgendwo zwischen 4 und 30 Sekunden eingestellt, hat man alle Ruhe, den Blitz von Hand auszulösen. Wir allerdings haben nichts gegen dunkle Flecken, die eine Silhouette bilden. Denn die Bilder zur Blauen Stunde leben oft vom Weglassen. 

Welche Motive eignen sich?

Blaue Stunde in der Architektur | © mare.photo

Blaue Stunde in der Architektur | © mare.photo

Küsten- und Seenlandschaften, Bootsstege und Seebrücken, angestrahlte Gebäude, Wälder mit einem Sternhorizont, Brücken und alte Fabriken sind nur einige Beispiele, die sich für Aufnahmen zur Blauen Stunde anbieten.

Seen oder Flüsse spiegeln die blaue Farbe des Himmels, Brücken und Fabrikgebäude zeigen sich als schattenförmige Silhouetten. Einzelne Lichter geben dem Bild die richtige Würze. Tagsüber störende oder ablenkende Bildteile werden durch die Schatten abgedeckt.

Auch, wenn es modern in der Nachbearbeitung ist, Motive der Blauen Stunde wirken natürlicher, wenn man ohne HDR auskommt und die Schatten im Nachhinein nicht aufhellt. Zur Blauen Stunde dürfen Teile des Bildes gerne im Schatten verweilen, das macht das Bild durchaus harmonischer. In der analogen Fotografie bieten sich kräftigere Filme an, um die Farbintensität zu betonen. Eine Empfehlung ist beispielsweise der Kodak Portra 400 oder der Kodak Portra 160.

*Alle Aufnahmen entstanden mit dem Leica Summilux 1.4 / 50mm mit dem alten Kodak Porta 160VC. Die größere Farbintensität erreiccht man mit dem neuen Film durch Verlängerung der Belichtungszeit.  Dafür den Film statt mit ISO 160 mit ISO 100 belichten.

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