Bild Dir meine Meinung

Polizeifahrzeuge in Schleswig-Holstein | © mare.photo
Polizeifahrzeuge in Schleswig-Holstein | © mare.photo

Die Meinung des Meinenden ist nur eine vermeintliche. Man meint nur, dass man meint. In Wirklichkeit ist man das Opfer seiner sozio-kulturellen Determinanz.

Zugegeben, ich weiß leider nicht mehr, welcher Philosoph diesen Satz prägte, aber er ist mir hängen geblieben von einem Berufschullehrer, den ich so gar nicht mochte. Weil er redete, ohne zu denken. Aber dieses Zitat hat er mit auf den Weg gegeben und seitdem begleitet es mich. Denn es fordert auf, zu hinterfragen.

Zu hinterfragen, ob das, was ich sage, wirklich eine von mir selbst gebildete Meinung ist. Und unter welchen Umständen eben diese angeblich meine Meinung entstanden ist.

Damit ist die Aussage des Philosophen (war es Immanuel Kant?) aktueller denn je. Überall begegnen uns Einflüsse, die unsere Meinung prägen wollen. Sei es in der Kommerzialisierung, sei es in vermeintlicher Politik, sei es im sozialen Miteinander.

Das Ziel ist das Gleiche, nur die Medien sind ganz unterschiedlich. Meinungen werden transportiert durch Musik, durch Sprache, durch Melodie, durch Schriften und Texte, Likes und Sternchen und durch Bilder. Bilder prägen sich ein, setzen sich fest und werden mit bestimmten Situationen in Verbindung gebracht.

Als ich in meinen nebenberuflichen Anfängen für regionale Zeitungen schrieb und fotografierte, kam ich in einen schweren Unfall. Vergeblich versuchte ich, den Familienvater zu retten. Wenn mir ein grüner Passat Coupé aus dem gleichen Baujahr, weit mehr als 20 Jahre nach dem Unfall begegnet,  erinnere ich mich an genau dieses Wrack, an die Blutspuren, an die verzweifelte Mutter mit dem Jungen, die ich im Anschluss versuchte in meinem Bulli zu trösten. Die Bilder haben sich sozusagen in mir festgesetzt und werden beim bloßen Anblick eines baugleiches Fahrzeuges also reaktiviert, obwohl diese Fahrzeuge rein gar nichts mit dem Unfall zu tun haben.

Und genau hier setzt die Manipulation ein, die soziokulturelle Determinanz. Was eine vermeintlich eigene Meinung zu sein scheint, setzt sich fest in angebliches Wissen. Völlig frei von Belegen. In meinen Fall war es ein grausiger Unfall, das Bild ist spontan und ungeplant entstanden. Aber solche Bilder werden auch gezielt genutzt, um uns zu beeinflussen.

Was hat das nun mit dem Bild der Polizeifahrzeuge zu tun?

Zwei Einsatzfahrzeuge kommen aus entgegengesetzten Richtungen. Will heißen: Alle verfügbaren Fahrzeuge werden abgerufen.

Sie stehen voreinander: Also höchste Dringlichkeit. Die Polizisten müssen scharf gebremst haben, um zum Einsatz zu gelangen. Für das ordentliche Parken oder das Schließen des Fensters war gar keine Zeit. Mein Puls steigt. Meine Atmung wird kürzer.

Das Bild wirkt dynamisch. Der Mercedes ist im rechten ersten Drittel und belegt die oberen zwei Drittel. Der Passat die linken Zweidrittel und das untere Drittel. Eine Art des Goldenen Schnittes.  Die leicht schräge Perspektive sorgt für gefühlte Bewegung, der niedrige Standpunkt für eine gezeigte Dominanz und robuste Stärke der Polizei. Beim Betrachten des Bildes wandern meine Augen von rechts nach links.

Ich bin mitten drin. Der Passat ist direkt neben mir zum Stehen gekommen. Der Mercedes kam auf mich zu. Es muss etwas passiert sein, was größer ist als ich. Mein Herz klopft schneller. Amoklauf? Messerstecherei?  Schießerei? Banküberfall? Unfall? Ausländer? Attentat? Rocker?

Ich könnte mich an dieser Stelle selbst fragen, was das Bild in mir ausgelöst hat, um den Artikel anzuschauen. 

Ein Beispiel für gezielt eingesetzte Bilder

Das oben gezeigte Bild kann ich auf viele andere Beispiele übertragen- in der Werbung, in der Stimmungs- oder Meinungsmache. Genau hier könnte ich jetzt innehalten. Stimmungsmache? Meinungsmache? Folgt hier die Meinung einer Stimmung? Das wäre mindestens riskant, mitunter sogar gefährlich. Denn die Meinung verwandelt sich in angebliches Wissen und wird in natürlicher Aufgeregtheit schnellstmöglich weiter transportiert, obwohl sie nur auf einem Gefühl beruht. Und jeder, der mich kennt, wird betroffen sein, weil ich ja betroffen bin. Je mehr Menschen sich durch mein Teilen von Gefühlen betroffen fühlen, so mehr bin ich selbst betroffen. Mein Puls bleibt hoch.

Aber

Schaue ich mir Bilder an, lohnt es sich zu hinterfragen, was mit einem solchen Bild bezweckt werden soll. Passt der Inhalt zu einer Art von Quelle, die einzig diese Art von Bildern publiziert? Worin liegt der Schwerpunkt des Zeigenden? Weckt das Bild in mir gute oder schlechte Emotionen- also Empathie oder Hass? Schafft das Bild in irgendeiner Form eine emotionale Abhängigkeit oder einen Zwang? Will das Bild mich künstlich aufregen, mir etwas vorgaukeln? Eine falsche Tatsache? Oder informiert es über einen wirklich reales Ereignis?

Philosophische Fotografie

Philosophieren heißt vor allem: Denken! Sowohl für den Bildschaffenden wie auch für den Betrachter. Milliarden Bilder entstehen ohne zu denken. Und verstopfen extrem umweltbelastend das Internet. Das Konsumieren von Motiven wie von Bildern scheint das Denken beim Fotografierenden wie beim Betrachter auszuschalten.

Macht sich der Bildschaffende aber Gedanken, so wird er diese wie eine unsichtbare Unterschrift zusammen mit dem Bild transportieren. Dem Konsumenten solcher Bilder liegt die Verantwortung, die Botschaft des Bildes zu entschlüsseln. Und für sich nachzudenken, inwiefern sie seine eigene Meinungs- und Gefühlswelt in eine bestimmte Richtung beeinflusst.

Was ist denn jetzt mit den Polizeiwagen?

Was hätte ich denn gerne, das diese Bilder transportieren? Hektik? Aufgeregtheit? Spannung?
Es waren einfach nur zwei abgestellte Fahrzeuge von vier entspannt wirkenden Polizisten vor dem Polizeirevier in Flensburg.

Enttäuscht? Das ist doch gut. Und vielleicht Ansporn, das nächste Bild selbst zu ent-täuschen. Um sich und anderen eine Enttäuschung zu ersparen.

Denk mal!

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